Bericht für Lucia
Es gibt Musik, die ich emotional verstehe, mir aber intellektuell nicht zugänglich ist. Es gibt Musik, die ich intellektuell verstehen möchte, aber weil sie mir emotional nicht zugänglich ist, spare ich mir die Mühe. Es gibt Musik, die ich emotional nicht verstehe, weil erstens die Ohren durch den Intellekt verschlossen sind und ich es zweitens nicht vermag, mit den Ohren zu denken. Es gibt Musik, die schön ist, weil sie im Kopf, aber nicht in den Ohren klingt; sie ist schön, aber das weiß ich eben nur und höre es nicht. Es gibt Musik, die ich höre, weil ich verstehen will, warum sie sich mir emotional und intellektuell entzieht. Und es gibt Musik, die hört man nicht.
Der Eintritt liegt bei 18 Euro und die Luftfeuchtigkeit bei 70 Prozent noch bevor das Trio den Teil des Raumes betrat, der durch einen alten Teppich als Bühne ausgewiesen ist. Ich sitze in der ersten Reihe der ehemaligen Handyreparatur Smartphonebär und sehe William, genannt Bill, Robi und dem Chef bei der Arbeit zu.
Der Chef steht direkt vor mir auf eine, Berg Technik, heißt Jonas und ist Gitarrist. Er schließt die Augen, wenn er spielt und manchmal beißt er sich auf die Unterlippe. Er spricht zwischen den Stücken, wie er sagt, weil er Stücke komponiert und keine Lieder schreibt. Der Chef trägt H&M, Chelsea Boots, die Stirn hoch. Seine Ohren stehen ab. Wie Bill ist er verheiratet. Im Publikum sitzen seine Frau und die Kinder. Ich bemerke es, als ich in der Pause das nächste Bier bestelle, nicht alkoholfrei, wie Jonas‘. Während der ersten beiden Stücke zittert die Spielhand, dann wird es dunkel und der Chef ruhiger.
Robi, der Trioschönste, lehnt sich gegen seinen Kontrabass, so dass eine fein gearbeitete Goldkette aus dem halbgeöffneten Hemd fällt. Er trägt einen Bart, der das Wort kokett provoziert, dazu einen ausgewachsenen Boxerschnitt, Shorts und einen weißen Zweireiher aus Filz. Er ist tätowiert, aber man erkennt nicht, worum es geht. Ich erinnere den Löbtauer Nachbar – Löbtau, ein Dresdner Stadteil, von dem ich nur weiß, dass ich die ersten fünf oder sechs Jahre dort verbrachte –, der ebenfalls ein Kontrabassist war, jung, Student, Zopf, runde Brille. Bei ihm sah ich zum ersten Mal ein Nutellaglas und als ich neulich auf einer Tagung jemanden traf, der sich im Gespräch als Dresdener Ex-Kontrabassist zu erkennen gab, dachte ich erstens, es sei ebendieser Nachbar und zweitens, er sei mir damals zu nah gekommen und das Nutellaglas ist die davon übrig gebliebene Erinnerung. Ich hatte dieses Zeug, das meine jüngere Schwester tagtäglich löffelte, nie angerührt, bis ich Lucia traf, die ein Glas (XXL zum Sonderpreis) im Lidl nebenan kaufte, das die ersten Tage, die wir voneinander getrennt waren, nicht überstand. Da kannten wir uns kaum vier Wochen und ich aß aus Sehnsucht, aber es war auch Versöhnung dabei.
Am Schlagzeug sitzt William, genannt Bill, ein Professor aus Ulm. Er ist eine Sensation mit dürrem, weißem Zopf und spielt wie eine Marionette, die zwei Zauberwürfel auf einmal löst. Draußen vor der Glasscheibe sammeln sich Passanten. Ein Schlagzeuger im Schaufenster, große Augen, doch sie bleiben nicht lang: Tornadowarnung, nachhause, Gewitter.
- Wir wollen nicht, dass wir tot gemacht werden.
- Dann sind wir schwärzer als Kohle.
- Dann fallen wir wie Pulver zusammen, das passiert.
Was weiß
ich über Jazz? Man kann Jazz studieren. Ich kenne auch einige Namen. Adornos
Kritik ist vom Tisch, habe ich gelesen, weil er etwas Rassistisches über
die Musiker und etwas Hoffnungsvolles über die Nazis sagt.
Sonst nichts. Ein Wort ohne
Etymologie, das sich gut eignet für Galgenraten: __ __ __ __
Nach der Zugabe klebt die Flasche Bier an meiner Hand und auf der Straßenkreuzung steht der Regen. Ein länglicher Smalltalk mit dem Typen, der neben mir sitzt und in der vergangenen Stunde penetrant auf seinem Oberschenkel improvisierte, dann endet das Unwetter.
But I'm on the same road that took me back home
Put me on the road
Now I'm heading to nothing 'cause its no more fun
Going down through the pines, what I'm doing I did before
And that's all I see
Driving, driving sixteen miles
I'm looking for something I don't want to do
Because my coming to town it took me from you
Now I'm losing my taste for the night life.