veröffentlicht in: Sarah Al Jarad (Hg.), Bin im Museum (Festheft für Hans-Peter Müller)
Kennen Sie die Geschichte vom Kustoden eines Hofmuseums, der die Menschen glaubt, vor einem Diamanten retten zu müssen, weshalb er zur radikalen Umkehrung seiner Aufgabe sich entscheidet und den Edelstein entwendet, um ihn in einem Gewässer zu versenken? Marie Luise Kaschnitz erzählte davon.
Ein Gefangener, zur Arbeit in der Silbermine von Hyderabad verurteilt, schürft einen Stein von großer Schönheit und weil wo Schönheit auch ein Wert ist, wird der Finder totgeschlagen, der Stein ihm abgenommen, von einem Wächter verkauft, geht auf Welttournee, schließlich in den Besitz des Hofmuseums und damit den Verantwortungsbereich des Kustoden über. Der Diamant ist berühmt, doch bleibt sein Name unausgesprochen, aus Furcht und das heißt: aus Gewissheit, sein Schrecken setzte sich fort. „Der Ausdruck des Geschichtlichen an Dingen ist nichts anderes als der vergangener Qual“, erinnere der Kustode ein Adorno-Wort und nähert sich der Vitrine Nr. 12, in der der Stein präsentiert ist, denn auch nicht, ohne in seiner Hosentasche die Finger über Kreuz zu schlagen wie zwei Speere, die anzeigen KEIN DURCHGANG.
Längst ist der Beschluss gefasst, ein Herz noch nicht. Die Pflicht: Er ist an den Stein gebunden, sein Gefangener und Verwalter. Wer, wenn nicht ein Museumsmensch soll für das Gute Partei ergreifen, denkt der Kustode, schließt die Augen und legt seinen Kopf in den Schatten der Handbibliothek, doch darf man das Schöne vernichten, wenn es das Gute bedroht? Ein Griff in die Vitrine, nur mehr auf Vorsicht gegenüber den Kollegen bedacht, nicht gegenüber dem Prunkstück. Kaum hundert Meter zum Fluss und wo die Brücke ihren Scheitel hat, erfährt der Entführer das Glück desjenigen, der loslässt. Der Diamant sinkt, der Mensch steht da mit leeren Händen.
Die Aufnahme läuft. Schneeanzüge hängen an einer Garderobenstange gegenüber der Parfüm- und Ölgefäße. In Strümpfen über das historische Parkett. Hier sind überall Männchen auf dem Boden und das hier ist wie Clemens aus der Kita. Jemand greift dem Marc Aurel in die Haare. So ein Strubbelkopf.
Die Aufnahme läuft. Schneeanzüge hängen an einer Garderobenstange gegenüber der Parfüm- und Ölgefäße. In Strümpfen über das historische Parkett. Hier sind überall Männchen auf dem Boden und das hier ist wie Clemens aus der Kita. Jemand greift dem Marc Aurel in die Haare. So ein Strubbelkopf.
Versunken stehe ich vor Vitrine Nr. 12 des Antikenmuseums. Neben mir Jakob, viereinhalb Jahre alt. Sein Finger ragt kaum über den zweiten Vitrinenboden hinaus. Einzig das Glas erlaubt ihm, die unverzichtbaren Kleinigkeiten zu zählen. Er beginnt irgendwo, endet irgendwann, beachtet mich nicht. Scheinbar allein im Saal der attischen Vasen, klug und wach. Sein Blick ruht auf den Dingen als sei der siebte Tag. Ich vergesse Kamera und Aufnahmegerät.
Ballspielende Frau mit Reiher, lese ich an der Vitrine. Die Frau sitzt auf einem Lehnstuhl, hinter dem ihr „anmutiges Haus- und Spieltier“ steht. Dessen Schnabel hat die Form eines Dolches. Ich blicke auf die Lekythos, blicke in ein Frauengemach, sehe einen Korb, ein Haarnetz. Spielerisch wirft die Frau drei Bälle in die Höhe, werde ich später im Katalog lesen, in dem nicht von einem Reiher die Rede ist, sondern von einem Kranich , und erinnere den Kustoden aus der Kaschnitz-Geschichte, dessen Wurf kein Spiel war, sondern Befreiung aus der Gefangenschaft. (Erkennt die Ballspielende ihre eigene?)
Die Aufnahme läuft weiter. Warum ist das die Drei und das die Eins, fragt jemand am anderen Ende des Raumes. Dass es aus dem 13. Jahrhundert ist, so die Antwort, nur einen Moment gültig, bevor die Archäologin zur Erklärung anhebt: Nein, die Dreizehn bedeutet, dass hier drin dreizehn Sachen sind, die nummeriert wurden. Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun, Zehn, Elf, Zwölf, Dreizehn, tönt es durcheinander, bis der Richterspruch fällt: Die Dreizehn hat recht.
Anfang März, zu Fuß nachhause. Die Daten sind gesichert. Der Museumsbesuch liegt hinter-, der restliche Tag schlaff vor mir, dabei ist kaum Mittag. Allein überquere ich das Elsterbecken, dessen Wasser bedrohlich schimmert. Mein Weg führt nach Westen, mein Blick führt ins Grün. Ein Graureiher im Flug.