Als ich Lucia kennenlernte, fragte ich sie, worauf Tarot-Orakel Antwort gäben. „Hast Du eine Frage ans Leben, dann das.“ Ich hatte keine und wusste fortan um meine Fraglosigkeit.
Ich lerne: Orakel (= Sprechstätte, Götterspruch) generieren Informaionen, die sie speichern und weitergeben. Ein Orakel zu befragen, setzt Unsicherheit voraus, den Wunsch nach Wissen über die Zukunft und die Auswirkungen des Schicksals. Projektion par excellence. Ora- kel versprechen keine Gewissheit. Sie deuten an und geben Zeichen, konfrontieren Unsicherheit mit Mehrdeutigkeit und können so zu Reflexion und Urteilsbildung beitragen. Die Auslegung erfordert, möglichst wachsam sich selbst in der Welt zu beobachten, also sich selbst auf Distanz zu halten. Jean-Bertrand Pontalis: „Es ist das Auge, welches beobachtet und wenn das Auge dazu nicht ausreicht, dann das Mikroskop.“ Orakel sind Mikroskope. Orakel helfen, Entscheid- ungen zu treffen und zu legitimieren, auch solche, die auf Erhalt der eigenen Funktionalität zielen. Sie stiften und reproduzieren Normen. Orakelworte notieren, zählt zu den ältesten Anwendungen von Schrift.
Auch Pistazien, Briefe, T-Shirts, Dosen, Karten, Blüten, Knochen, Fugen, Chili und Träume sind Orakel. Interessant.
Drei Beispiele:
1. Ich habe eine Katze und einen imaginären Hund. In welcher Phantasie von der Zukunft bewege ich mich? Some of the best, some of the worst. Albert Einstein: „Phantasie umfasst die ganze Welt.“
2. Ein T-Shirt mit dem Statement „No Risk. No Magic“ für 12,90 EUR: „Für alle, die alles dafür geben, um Großartiges zu erschaffen und Großartiges erleben zu können“.
3. Marie Luise Kaschnitz: „Ich will lauter Freude, aber meine Wünsche werden von geheimnisvollen Mächten immer wieder durchkreuzt.“ Ich will träumen, aber mein Schlaf wird von geheimnisvollen Mächten immer wieder verhindert. Ich will schlafen, aber immer wieder zwingen Träume mich zu erwachen. Einmal mit der Seilbahn durch den Nebel hinauf. Wo die Eltern wohnen, hat sich der Friedrich einst über das Meer erhoben. Steinig ist es dort, flüssig und zäh darunter. Der Mond ist näher als Milliardenjahre später, Tiden rollen unaufhörst Du das auch? – Nein, was? – bedenke ich es heute, bedenklich nah. Eine Fassade aus Licht, ein Wurf. Ein Bein vor das andere, widerlichen Sand zwischen den Zehen, Angst vor dem Unter-mir, den Einzelheiten bis zum Erdkern. Bitte bitte nicht hineintreten, bitte bitte nicht hineinfallen, nicht loslassen wie damals im Pool. Schwimmkrämpfe. Staccatostimmung. Sag mal etwas, beiß mal auf den Stein. Ich kann mich nicht besprechen, aber nehme mir ein Herz, so wie wenn jemand sagt: denk an feste Schuh. Daneben, leider. Unten also, also blieb ich. Leben heißt schlafen, träumen, heißt wünschen und verdrängen. Wünsche und Träume selbst sind geheimnisvolle Mächte, hinter denen das Können immer wieder zurückbleibt.
The L. Oracle: „Ich habe Antworten, aber mir fehlen die Fragen.“