Jonathan und die Opferschale (2022)

 Frühkindliche Bildungsprozesse im Antikenmuseum der Universität Leipzig

 

veröffentlicht in: TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 12/2022  

 

Schneeanzüge hängen an der Garderobenstange gegenüber einer Vitrine mit Parfüm- und Ölgefäßen. Socken flitzen über das historische Parkett. Sie folgen einem kleinen Herakles, der eine Keule über seiner Schulter trägt: „Hier sind überall Männchen auf dem Boden“, ist aus dem Saal der attischen Vasen zu hören. „Und das hier ist wie Clemens aus der Kita“, ruft jemand und greift dem Kaiser Marc Aurel in die Haare. Die vierjährige Anna ermahnt die Gruppe: „Wir bleiben zusammen, rennen nicht und fassen nichts an“. Dann läuft auch sie schnellen Schrittes an das andere Ende des Ausstellungsraumes, um die kaiserlichen Locken zu inspizieren: „So ein Strubbelkopf.“

Zehn Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren streifen durch das Antikenmuseum der Universität Leipzig. Alle besuchen eine Leipziger Kindertageseinrichtung. Sie werden von einer ihnen bekannten Erzieherin und einer museumskundigen Archäologin auf ihren individuellen Rundgängen begleitet. Auch ich nehme Teil, ausgerüstet mit Notizblock und Bleistift, Fotokamera und Audiorekorder; interessiert daran, wie sich die Gruppe das ihr bis dahin unbekannte Museum und dessen Sammlungsobjekte erschließt. 

Mich erinnert die Schale an einen Krebs

Auch der fünf Jahre und elf Monate alte Jonathan ist Teil der Gruppe, die das Antikenmuseum der Universität Leipzig im Frühjahr 2020 besuchte. Er interessierte sich unter anderem für eine Opferschale aus Keramik. Das Sammlungsobjekt ist aus der Zeit um 300 vor Christus und stammt aus Apulien, einer Region im Süden Italiens. Der Handgriff des Gefäßes ist einem menschlichen Körper nachempfunden. Die Schale kam vor allem für Weinopfer zum Einsatz, das bedeutet, aus ihr wurde Wein über ein Opfertier gegossen. Seit 1996 ist das Objekt im Bestand des Leipziger Antikenmuseums. Mit diesen Informationen zu Objektbezeichnung, Material, Alter, Herkunft und kulturhistorischen Kontext sieht man sich im Museum konfrontiert. Dem Objekt selbst sind sie nicht ohne Weiteres zu entnehmen. Erst Texttafeln geben den Besucherinnen und Besuchern einen Anhaltspunkt. Daher lässt sich anhand dieser Informationen auch nicht verstehen, warum die Schale im Museum in Jonathans Blick gerät. Ein Audiomittschnitt des Museumsbesuchs kann hier jedoch weiterhelfen:

Und das erinnert mich so ein bisschen an so ein kleines Tier, aber das sieht genauso aus, bloß, dass es weiß ist und heut auch noch lebt. Früher bei  den Dinosauriern hat es aber auch noch gelebt, im Wasser. Ja, aber da war es, glaube ich, noch ein bisschen größer. So ein bisschen wie ein Krebs. Vielleicht gehe ich ja auch diese Woche am Wochenende ja auch mal in den Leipziger Zoo. Vielleicht gibt es ja das Tier noch, weil da wurde ja auch so ein Haus abgerissen, aber im Gondwanaland gab es das Tier eigentlich. Also ich habe auch mal Krokodile im Gondwanaland aufgeweckt.

Was Jonathan in Gegenwart der antiken Opferschale zu berichten hat, unterscheidet sich merklich von den Informationen, die das Museum bereithält. Doch nicht nur das. Befinden wir uns überhaupt noch im Museum? Das Gondwanaland, von dem Jonathan spricht, ist ein großer Glasbau im Leipziger Zoo, in dessen Inneren ein prähistorischer Tropenraum imitiert wird. Über den Internetauftritt des Zoos kann man sich über die Tiere informieren, die in diesem Glasbau gehalten werden. Was Jonathan dort höchstwahrscheinlich gesehen hat, ist ein Pfeilschwanzkrebs. Er existiert auf unserem Planeten seit circa 400 Millionen Jahren.

Formsache

Stehen Opferschale und Krebs nebeneinander, fallen Ähnlichkeiten auf. An das flache breite Körperglied, welches die Vorderseite des lebenden Fossils bildet, erinnert die ebenfalls flache und runde Schüssel. Der Schwanz gleicht dem langen, unten spitz zulaufenden Griff, der an die Schüssel angesetzt ist. Krebs und Schale gleichen sich in der Objekteigenschaft Form. Einen Unterschied stellt Jonathan ausdrücklich in der Farbigkeit heraus: das „kleine Tier sei weiß. Ausgehend von der Farbe der Opferschale, jedoch auch von deren Größe oder Gewicht, wäre Jonathan jedoch kaum darauf gekommen, von besagtem Krebs zu berichten. Die Form eines Objekts ist unter den sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften die komplexeste. In der Komplexität der Form liegt demnach auch der Grund einer wahrnehmbaren Ähnlichkeit zwischen Urzeitkrebs und Opferschale.

Jonathan nimmt jedoch nicht einfach die Form der Opferschale wahr, sondern misst dieser Wahrnehmung eine Bedeutung bei. Er entwickelt eine Vorstellung, die über die Form des Objekts hinausweist. Mehr noch: Jonathan scheint etwas zu sehen, das im Moment der Wahrnehmung gar nicht anwesend ist, nämlich den Krebs. Der Philosoph Nicolai Hartmann hat für dieses Phänomen den Begriff „Hindurchblicken“ eingeführt. Er unterscheidet dafür einen Erlebniszusammenhang im Augenblick der Wahrnehmung, also im Museum vor der Vitrine und in Gegenwart der Opferschale, von einem Erfahrungszusammenhang, der weit zurückführen kann, also in den Zoo vor ein Aquarium, in dem der Pfeilschwanzkrebs lebt. So gesehen, erblickt Jonathan durch die Form der Schale hindurch den Krebs. Er orientiert sich an dieser wahrnehmbaren Eigenschaft eines konkreten Gegenstandes, um eine Beziehung zwischen zwei „Objekten“ herzustellen, die sonst kaum Gemeinsamkeiten haben dürften.

Im Zentrum dieser Beziehung steht Jonathan selbst. Der Zusammenhang zwischen Schale und Krebs äußert er nämlich als eine Reihe erinnerter Ereignisse: Da ist der Zoobesuch selbst, ein Hausabriss, über den sich nur spekulieren lässt, und die Krokodile, die er geweckt habe. Diese Erinnerungen führen zwar aus dem Museum heraus, werden jedoch durch das ungewohnte Museumsobjekt ausgelöst. Um den Krebs nochmals zu sehen, erwägt Jonathan sogar einen erneuten Zoobesuch und überlegt schon einmal, wo er das Tier finden könnte. Anders ausgedrückt, bedient er sich seiner Erinnerungen, um eine Idee für die Zukunft zu entwerfen, die ihn erneut mit seiner Vergangenheit in Kontakt bringt. Ob sich Jonathan im Zoo auch an die antike Opferschale erinnern wird, bleibt offen.  

Über den kulturhistorischen Kontext des antiken Objekts, deren Funktion und Bedeutung ist bei alledem noch nichts gesagt worden. Jonathans Zugang ist biografisch und assoziativ, er beruht auf genauer Beobachtung und auch der Bereitschaft, etwas von sich selbst zu berichten. Wir erhalten einen kurzen und fragmentierten Einblick in seine Erfahrungs- und Lebenswelt. Ebendiese ist für Jonathan bedeutsam und regt an, sich der Opferschale im Museum anzunähern. Er vergegenwärtigt innere Bilder und stärkt so seine Vorstellungskraft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frühkindliche Bildungsprozesse im Museum 

Im Museum können Kinder individuelle Zugänge zu historischen Objekten entwickeln, da diese Vorstellungen, Erinnerungen und Assoziationen hervorrufen. Sie bilden und nutzen Kategorien, wie zum Beispiel die Form, aber auch Farbigkeit oder bildliche Darstellungen, um Beziehungen zwischen sich und den Objekten herzustellen. Dabei spielt die Frage nach individuellen Bedeutungszuschreibungen eine zentrale Rolle: Was bedeutet das Objekt für mich und was bedeuten mir die Erfahrungen, die ich mit dem Objekt verbinde? Auch soziale Beziehungen spiegeln sich in diesen Zugängen, etwa dann, wenn wir uns fragen, mit wem Jonathan die Erfahrung des Zoobesuchs teilt.

Hier fügt sich auch bereits die Dimension Zeit ein, zu der Kinder spätestens im Sachunterricht der Grundschule einen Zugang erhalten sollen: die Geschichte des antiken Objekts und des Urzeitkrebses, die sich im biografischen Zeitverlauf von Jonathan begegnen. Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Welt- und Lebensgeschichte kann gemeinsam im Museum weiter nachgedacht werden, beispielsweise anhand der Frage, was eigentlich „alt“ ist.

Doch das ist nur eine Möglichkeit. Museen sammeln, bewahren und erforschen das materielle kulturelle Erbe von Gesellschaften und machen es zugänglich, beispielsweise in Ausstellungen, Schaudepots oder museumspädagogischen Angeboten. Sie sind, wie der Pädagoge und Vorsitzende des Rates für Kulturelle Bildung Eckard Liebau betont, Orte der non-formalen Ich- und Weltbildung und als solche relevant für Bildungsprozesse in der frühen Kindheit. Das bedeutet zunächst, dass Museen ein freiwilliges und bildungsoffenes Angebot sind, das Nutzungsformen zwar nahe-, aber nie vollständig festlegt. Besucherinnen und Besucher jeden Alters können sich in ihnen anstrengen, anregen und vergnügen, das Museum im Rundgang ablaufen, umherschlendern oder gezielt durchmessen, eine Führung oder einen Workshop buchen, sich berieseln oder befremden lassen, miteinander ins Gespräch kommen und von dem berichten, was sie sehen, wissen und empfinden, sich vom Geschehen abwenden und auf einer Bank sitzen. Es gibt keinen Plan, keinen Orientierungsrahmen, nach dem im Museum gelernt wird. Doch lädt es dazu ein, die Sinne zu schärfen, Vorstellungen und bereits vorhandenes Wissen von sich und der Welt weiterzuentwickeln und mit anderen darüber in Austausch zu treten. Dies kann mit Kindern vor allem dann gelingen, wenn gemeinsam Objekte und Ausstellungssituationen entdeckt werden, die inhaltliche und formale Bezüge zur Lebenswelt von Kindern aufweisen und durch ihre Interpretationsoffenheit vielfältige Gesprächsanlässe bieten.

Ein Ausflug ins Museum kann Kindertageseinrichtungen vor organisatorische und auch fachliche Herausforderungen stellen. Es ist daher sinnvoll, längerfristige Kooperationen zu örtlichen Museen und Sammlungen anzustreben. Das kann beispielsweise bedeuten, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen in die Vor- und Nachbereitung der Besuche einzubeziehen und deren Expertise auch im Museum zu nutzen. Womöglich müssen jedoch geeignete Formate für Kindergartengruppen gemeinsam und das heißt vor allem unter Beteiligung von Kindern erst noch entwickelt werden.

Museen bietet ein „Milieu der Bildungsoffenheit“, wie es der Erziehungswissenschaftler Rainer Treptow formuliert, in denen Kindern die Gelegenheit haben sollten, sich ihren eigenen Inhalten zuzuwenden. Die Aufgabe von Pädagoginnen und Pädagogen ist dann, Kinder dabei zu unterstützen, eigene Wege durchs Museum zu suchen. Dabei können Malutensilien und Fotoapparate helfen, die Distanz zu den Objekten zu überwinden, Eindrücke festzuhalten und direkt oder nachträglich zu thematisieren und reflektieren. Aber auch Objekte, die von zuhause oder aus der Kindertageseinrichtung mit ins Museum gebracht werden, sind geeignet für eine erste Erkundung. Viele Kinder sammeln selbst oder verfügen über ein Objekt, das ihnen viel bedeutet. Daraus ergeben sich lebensweltliche Bezüge zu zentralen Funktionen von Museen: sie wählen aus, ordnen, bewahren vor dem Verschwinden, finden Formen der Aufbewahrung oder Präsentation und bilden ein individuelles Gedächtnis. Ein Museumsbesuch, der in dieser Weise die Subjektivität, die Vorstellungskraft und das Erinnerungsvermögen von Kindern stärkt, lohnt sich immer.

Literatur

Bundesverband Museumspädagogik (2004): Zum Bildungsauftrag der Museen. Eine Stellungnahme des Bundesverbandes Museumspädagogik. Verfügbar unter https://www.bildungsserver.de/onlineressource.html?onlineressourcen_id=29574  

Bundesverband Museumspädagogik (2020): Leitfaden: Bildung und Vermittlung im Museum gestalten. Berlin: DMB/BVMP.  

Duncker, Ludwig (2016): Die interessante Welt der Dinge. Umrisse einer pädagogischen Anthropologie kindlichen Sammelns. In: Mirja Kekeritz, Bärbel Schmidt und Andreas Brenne (Hrsg.): Vom Sammeln, Ordnen und Präsentieren. Ein interdisziplinärer Blick auf eine anthropologische Konstante. München: Kopaed. Seite 61 bis 72.

Institut für Museumsforschung (2021): Zahlen und Materialien aus dem Institut für Museumsforschung. Band 75: Statistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2019. Verfügbar unter https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/ifmzm/issue/view/5496

Hartmann, Nicolai (1953): Ästhetik. Berlin: Walter de Gruyter & Co.

Hofmann, Fabian (2015): Mit Kita-Kindern Kunst entdecken. Begegnungen mit Kunstwerken als bildende Erfahrung. In: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Heft 5. Seite 26 bis 28.

Koch, Karen; Hille, Katrin (2012): Kinder über Kindermuseen. Eine empirische Studie zu Qualitätskriterien. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung. Heft 4. Seite 457 bis 472.

Kekeritz, Mirja (2016): Von Kneifkäfern, Wachteleiern und Regenbogensteinen. Über den Wert kindlichen Sammelns und Ordnens im Kontext von Lebenswelt und Bildung. In: Mirja Kekeritz, Bärbel Schmidt & Andreas Brenne (Hrsg.): Vom Sammeln, Ordnen und Präsentieren. Ein interdisziplinärer Blick auf eine anthropologische Konstante. München: Kopaed. Seite 73 bis 82.

Liebau, Eckart (2012): Ich-Bildung und Welt-Bildung von Kindern und Jugendlichen im Museum. In: Giesela Staupe (Hrsg.): Das Museum als Lern- und Erfahrungsraum. Grundlagen und Praxisbeispiele. Wien: Böhlau. Seite 39 bis 46

Ruempler-Wenk, Mila (2010): Frühkindliche Bildung im Museum aus erziehungswissenschaftlicher und museumspädagogischer Perspektive. Bericht zum BVMP-Projekt 2010 „Museen und Kindergärten“. Verfügbar unter https://www.museen-und-kindergaerten.de/

Ruempler-Wenk, Mila (2010): Kindergartenkinder als Museumsbesucher – Kindergärten als Kooperationspartner. Rahmenbedingungen museumspädagogischer Arbeit mit jüngeren Kindern. [Beitrag im Rahmen des BVMP-Projekts „Museen und Kindergärten“]. Verfügbar unter https://www.museen-und-kindergaerten.de/

Strübing, Jörg (2008). Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung (2., überarbeitete und erweiterte Aufl.) Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Treptow, Rainer (2005): Vor den Dingen sind alle Besucher gleich. Kulturelle Bildungsprozesse in der musealen Ordnung. In: Zeitschrift für Pädagogik. Heft 51, Seite 797 bis 809.

Wagner, Bernd (2013): Historische Sachlernprozesse im Museum. Spielstationen für Vorschulkinder in der Dauerausstellung Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen des Deutschen Historischen Museums. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung. Heft 4. 455 bis 469.