Da ist der Kopf eines Mädchens,
Abschürfungen in Gesicht und Haaren. Sehe ich ihn an, sehe ich Marie Luise
Kaschnitz, das Kind Marie Luise – „Ich eins im Buchsbaum, ich eins im
Haselgebüsch, versteckt unter dem roten Kinderzimmertisch immer schluchzend,
von Tränen überströmt. Ich tue mir leicht weh, und man tut mir leicht weh, die
Geschwister, die Mutter, der Vater, der mich übersieht.“ – Abschürfungen in
Gesicht und Haaren, die kleine Form, zart wie eine halbe Seite der späteren
Dichterin, die durch Marmoraugen mich anblickt, aus Karlsruhe, aus Berlin und
Potsdam, Königsberg, Frankfurt Westend, Rom, aus Marbach, wo der Nachlass
liegt. Die Ähnlichkeit von Kopf und Kaschnitz ist keine physiognomische,
sondern Ereignis der Vorstellungskraft; sie liegt nicht nahe, muss sich erst
einstellen. Ich will in der eingemeißelten Linie ein Lächeln erkennen, im
griechischen (und preußischen) Mädchen ein Kind, das mit den Schrecken des
Kindseins – „Ich will lauter Freude, aber meine Wünsche werden von geheimnisvollen
Mächten immer wieder durchkreuzt.“ – bereits insofern versöhnt ist, als es
erkannt hat, dass Wünsche selbst geheimnisvolle Mächte sind und doch selbst
unversöhnlich bleibt wie das „verzweifelte Glücksverlangen“, das diese Mächte
nährt. Was wünscht sich ein Kind in Böotien im Jahr 300 v. Chr.?
Kopf eines Mädchens, 320 - 300 v.u.Z. Antikenmuseum der Universität, Leipzig
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