Marie Luises Kopf (2022)

 
 
 


Da ist der Kopf eines Mädchens, Abschürfungen in Gesicht und Haaren. Sehe ich ihn an, sehe ich Marie Luise Kaschnitz, das Kind Marie Luise – „Ich eins im Buchsbaum, ich eins im Haselgebüsch, versteckt unter dem roten Kinderzimmertisch immer schluchzend, von Tränen überströmt. Ich tue mir leicht weh, und man tut mir leicht weh, die Geschwister, die Mutter, der Vater, der mich übersieht.“ – Abschürfungen in Gesicht und Haaren, die kleine Form, zart wie eine halbe Seite der späteren Dichterin, die durch Marmoraugen mich anblickt, aus Karlsruhe, aus Berlin und Potsdam, Königsberg, Frankfurt Westend, Rom, aus Marbach, wo der Nachlass liegt. Die Ähnlichkeit von Kopf und Kaschnitz ist keine physiognomische, sondern Ereignis der Vorstellungskraft; sie liegt nicht nahe, muss sich erst einstellen. Ich will in der eingemeißelten Linie ein Lächeln erkennen, im griechischen (und preußischen) Mädchen ein Kind, das mit den Schrecken des Kindseins – „Ich will lauter Freude, aber meine Wünsche werden von geheimnisvollen Mächten immer wieder durchkreuzt.“ – bereits insofern versöhnt ist, als es erkannt hat, dass Wünsche selbst geheimnisvolle Mächte sind und doch selbst unversöhnlich bleibt wie das „verzweifelte Glücksverlangen“, das diese Mächte nährt. Was wünscht sich ein Kind in Böotien im Jahr 300 v. Chr.? 
 
 
 
  
Kopf eines Mädchens, 320 - 300 v.u.Z.  Antikenmuseum der Universität, Leipzig
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