Zur Geschichte der Spielzeugkritik (2024)

„Es ist töricht über die Herstellung von Gegenständen von Kindern nachzudenken“

 
 
 veröffentlicht in: TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 08/2024
 
 

Eine Eisenbahn, eine Puppe, ein Ast oder doch der Einkaufsladen? Welches Spielzeug ist das richtige? Der Markt für industriell gefertigtes Spielzeug ist riesig, die Skepsis groß. Brauchen Kinder Spielzeug? Diese Frage treibt Pädagoginnen und Pädagogen in Kitas um. Ihr Blick ist ein kritischer. Das zeigen Spielzeugtage, die Bitte, Spielzeug von zuhause in der Garderobe zu lassen oder spielzeugfreie Tage. Pädagogik geht immer mit Überlegungen zu Spiel und Material einher. Auswahl und Einsatz von Spielzeug werden immer wieder kritisch betrachtet. 

Kritik und Kriterien
Was ist Kritik? Und wie unterscheidet sich Kritik von einer kriteriengeleiteten Auseinandersetzung? Während sich Kritik als „Kunst der Beurteilung“ auf eine bestimmte Sache bezieht und deren Eigenheiten erschließen kann, in diesem Sinne also ergebnissoffen ist, stehen bei einem kriteriengeleiteten Zugriff die entscheidenden Merkmale vorab fest. Zwar wird auch hier eine Beurteilung vorgenommen, die Kriterien selbst entziehen sich aber dem kritischen Zugriff.

Im Sinne der Sicherung pädagogischer Qualität ist die kriteriengeleitete Arbeit Teil der Fachlichkeit von Erzieherinnen und Erziehern. Auch die Auswahl von Spielzeug kann anhand von Kriterien getroffen werden. In der Literatur lassen sich pädagogische Bewertungsgrundsätze finden, die sich auf überwiegend positiv formulierte Kriterien oder Leitfragen beziehen. Weite Verbreitung fanden die Kriterien des gemeinnützigen und unabhängigen Vereins Spiel gut e.V., der sich seit 1954 mit der Frage beschäftigt, was gutes Spielzeug ausmacht und ein Gütesiegel vergibt:

  • Ist das Spielzeug für die empfohlene Altersgruppe geeignet?
  • Fördert das Spielzeug Phantasie und Vorstellungsvermögen?
  • Knüpft das Spielzeug an altersgerechte Lebenserfahrungen?
  • Bietet das Spielzeug vielfältige und fortwährende Spielmöglichkeiten?
  • Wie präsentieren sich Gestaltung, Farbe und Form des Spielzeugs?
  • Ist das Spielzeug zu klein, zu groß, zu leicht oder zu schwer?
  • Sind richtige Anzahl und passende Menge vorhanden?
  • Wie sind das Spielzeug und seine Mechanik konstruiert?
  • Entspricht die Haltbarkeit und Lebensdauer dem Spielzweck?
  • Ist das Spielzeug sicher?
  • Ist das Spielzeug nachhaltig?

Diese Kriterien lassen sich fachlich begründen und kritisieren. Sie verweisen jedoch auch auf eine Sozialgeschichte des Spiels und die Frage nach der pädagogischen Intention und Funktion von Spielzeug. Sowohl Kritik am Spielzeug selbst als auch am Umgang mit Spielzeug ist ein Thema, dass Pädagoginnen und Pädagogen seit der Aufklärung beschäftigt. Dieser kritische Perspektive hat sich mit den reformpädagogischen Ansätzen im frühen 20. Jahrhundert differenziert.

Ein Überblick
Unter Spielzeug verstehen wir zunächst zum Zwecke des Spielens verwendete Gegenstände. Meist sind mit dem Begriff jedoch Vorstellungen industriell oder handwerklich gefertigter Gegenstände verbunden, für die sich die Bezeichnung Spielwaren anbietet. In Abgrenzung dazu kann man von Spielmitteln sprechen, etwas dann, wenn eine leere Rolle Küchenpapier im Spiel zum Fernrohr oder aus Ästen ein Zelt konstruiert wird. Der Gegenstand ist nicht als Spielware produziert worden, erschient jedoch für das Spiel geeignet und wird integriert. Unter Pädagoginnen und Pädagogen ist auch die Rede von Spielmaterialien geläufig, zuweilen auch von Spielgaben, denkt man an die berühmt gewordene Fröbelgaben, die bis heute erfolgreich vermarktet werden. Diese Nuancen des Spielzeug-Begriffs sind nicht unbedeutend für die Auseinandersetzung mit kritischen Perspektiven. Sie verweisen auf die vielgestaltigen Kontexte, in denen Menschen mit Dingen umgehen sowie die unterschiedlichen Funktionen und Bedeutungen, die Dingen dabei zugeschrieben werden.
 
Spielzeug wird insbesondere kritisch betrachtet, weil es um Gegenstände geht, die für Kinder hergestellt werden. Dies lässt sich vordergründig mit der Bedeutung des Spiels für Bildungs- und Entwicklungsprozesse als Mittler zwischen Realität und Imagination begründen. Durch die Beobachtung des Spiels von Kindern, werden wiederum Rückschlüsse über deren Entwicklungsstand und individuelle Bildungsthemen gezogen. Beim Versuch, die Spielzeugkritik zu überblicken, fallen vor allem drei Aspekte auf. 
 
Gesundheit: Die Kritik richtet sich an Hersteller von Spielzeug und nimmt Gefahren in den Blick, denen Kinder beim Umgang mit industriell gefertigtem Spielzeug ausgesetzt sind. Die Kritik trifft häuf Produzenten außerhalb der Europäischen Union und bezieht sich auf mangelnde Sicherheit und die Auswirkung auf die Gesundheit, nicht eingehaltene DIN-Normen, oder überschrittene Grenzwerte, etwa für Chemikalien.
 
Spielfreude: Das „Spiel des Jahres“ kennen fast alle. Die Auszeichnung wird seit 1979 an Gesellschaftsspiele und deren Autorinnen und Autoren verliehen. Das „Spiel des Jahres“ versteht sich ausdrücklich als „Kritikerpreis“. Personen, die sich professionell mit Spielen beschäftigen, treten als Jury zusammen mit dem Ziel, die Qualität des Spiels zu würdigen und dabei einem breiten Publikum Orientierung zu bieten. Entscheidende Kriterien sind innere Logik des Spiels und die daraus resultierende Spielfreude.
 
Pädagogischer Wert: Womit gespielt wird, gilt als Faktor einer anregenden Entwicklung und ist seit dem 18. Jahrhundert Mittel und Gegenstand von Erziehung. Der pädagogische Wert und die unterstellte sozialisierende Wirkung von Spielzeugen gerät daher längst nicht mehr allein unter Pädagoginnen und Pädagogen in die Kritik. Hier fordert der Blick in die Geschichte bis heute heraus.

Spiel ist eine ernste Sache – Kindheit und Bürgertum, Vergnügen und Gemeinnützigkeit
In der Pädagogik der Aufklärung wird die Bedeutung des Spielzeugs für den Erziehungsprozess herausgestellt und ein enges Band zwischen Menschenbild, Erziehungszielen und Spiel geknüpft. Hier geht es also vorrangig um den Umgang mit Spielzeug. Die Sozial- und Erziehungswissenschaftlerin Christa Berg zeichnete bereits vor vierzig Jahren nach, dass das freie und intentionale Spiel seit dem 18. Jahrhundert geradezu definitorisch für die Phase der Kindheit ist. Spiel und Spielzeug unterscheiden sich nach Klassenzugehörigkeit, durchgesetzt hat sich jedoch ein Verständnis, das die soziale Wirklichkeit des Bürgertums zum Maßstab erhebet. In seinem pädagogischen Hauptwerk „Émile oder über die Erziehung“ aus dem Jahr 1762 entwirft Jean-Jacques Rousseau das Ideal einer begrenzten Anzahl schlichten Spielzeugs, das „freuen, belehren und nutzen“ solle bei der Erziehung eines nützlichen Mitglieds der Gesellschaft. Der Aneignungscharakter des Spiels, der auch heute in sämtlichen Bildungs- und Orientierungsplänen für den Elementarbereich betont wird, wird gelenkt auf die Auseinandersetzung mit den geschlechterspezifischen Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft. Ähnliches ist 1774 bei Johannes Bernhard Basedow zu lesen, der die Ziele von Erziehung, nämlich „Glückseligkeit“ des Einzelnen und dessen „Gemeinnützigkeit“, mit Spiel in Verbindung brachte. Und auch Jean Paul sieht in der „Heiterkeit“, die das Spiel gewährt, Vergnügen und Belehrung vereint.
Dass das Vergnügliche unter diesen Pädagogen betont wird, kann als eine Kritik am Statuscharakter von Spielzeug in der Erziehung der Ständegesellschaft aufgefasst werden und richtet sich insbesondere gegen den Adel: „Umringt eure Kinder nicht, wie Fürstenkinder, mit einer Kleinwelt des Drechslers; reicht ihnen nicht die Eier bunt und mit Gestalten bemalt, sondern weiß, sie werden sich aus ihrem Innern das bunte Gefieder schon ausbrüten“, schreibt Jean Paul 1807 in seiner Erziehungslehre.
 
Der Markt für Spielwaren, der im 19. Jahrhundert rasant anwuchs, ist von der Etablierung eines bürgerlicheren Verständnisses von Kindheit als geschützter Raum und dem tatsächlichen Aufstieg des Bürgertums nicht zu trennen. Damit einher geht die Durchsetzung bürgerlicher Verhaltensweisen und Rollenzuschreibungen. Geschlechtsspezifische Muster, milieuspezifisches Prestigedenken und rassistische Stereotype sind nicht nur in den Puppenstuben, Bilderbögen, Militärspielzeugen oder elektronischen Eisenbahnen der bürgerlichen Epoche repräsentiert. Und auch die Vermittlung zwischen Freiheit des Spiels und der Notwendigkeit des formalen Lernens, zwischen den Erziehungszielen einer selbstbestimmten Persönlichkeit und gesellschaftlichem Nutzen, die mit der Herstellung von Spielzeugen einherging, ist bis heute ein Thema der Pädagogik. Die Herstellung und Auswahl des Spielzeugs erfolgt nach wie vor durch Erwachsene. Allein der Zeitgeist scheint sich zu ändern.
 

„Mittler zwischen Realität und Imagination“ in der Kritik, widersprüchlich wie die Realität selbst
„Wir brauchen die Dinge zur Abstützung unserer Erzählungen“, schreibt der Pädagoge und Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini. Insofern ist es konsequent, wenn das 19. Jahrhundert die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Waffen ausstattet. Beide Spielzeuggruppen können für das Einüben von Rollenbildern stehen, die in unserer heutigen „Erzählung“ als überholt oder sogar gefährlich und dadurch kritikwürdig gelten. Der Umgang mit Spielzeugen ist mehr als Zeitvertreib und dabei so widersprüchlich wie die Wirklichkeit, der sie entspringen.

Puppen zählen zu den wohl ältesten bekannten Spielzeugen, ob aus Lumpen oder Stroh, Porzellan oder Plastik. Im Jahr 1959 betritt die Barbie-Puppe die Bühne und wird seither immer wieder zur Kritik herangezogen, die sich bezeichnenderweise auf etwas bezieht, das für das Spiel an sich und die Wirklichkeit, die im Spiel hergestellt wird, nicht sonderlich relevant ist: ein Mangel an Realismus. Die Taille zu schmal, die Beine zu lang, die Brüste zu groß. Dass Barbie ohne Brustwarzen und Vulva auskommen muss, störte die Anhänger des Realismus hingegen wenig, worauf die Journalistin Elke Wittich hinweist.

Überhaupt: Eine Puppe mit Brüsten? Man kommt leicht darauf, dass es bei Barbie um die Frage geht, mit welchen Körpern und Vorstellungen von Weiblichkeit und Sexualität Kinder, und zuvorderst Mädchen, in Kontakt kommen sollen. Natürlich werden mit Spielzeugen auch Bedürfnisse produziert. Doch ist die Befürchtung gerechtfertigt, Mädchen könnten Barbie, immerhin ein Spielzeug, als Ideal ihres eigenen Körpers sehen? Oder lassen sich Spielzeuge einfach bessere kontrollieren als Normen? Die Barbie-Werbung lässt sich abschalten. Der Bewertung ihres Körpers kann sich keine Frau entziehen. Die Innovation der Barbie-Puppe ist von ihrer figürlichen Umsetzung jedoch schwer zu trennen: Robust, wandelbar und in diesem Sinne mitwachsend, zugleich ein Verweis auf die Berufstätigkeit als Lebensmodell jenseits der Haushaltsführung und Kindererziehung und ohne die (finanzielle) Abhängigkeit von Männern. Während andere Puppen eher dem Säugling in seiner Abhängigkeit nachempfunden sind als dem zur Selbsttätigkeit, Entscheidung und Verantwortung befähigten Menschen, kann Barbie alles und dadurch alles sein.

Es beginnt mit Zeige- und Ringfinger, die zusammengepresst und ausgestreckt werden, während der Daumen nach oben zeigt und eingeknickt werden muss, damit sich ein Schuss löst. Wie die Barbie-Puppe haben auch Spielzeugwaffen beziehungsweise Kriegsspielzeuge – Spielzeuge zum Zweck des Kämpfens – unabweisbare Bezüge zur Wirklichkeit außerhalb des Spiels. Eben darauf bezieht sich die Spielzeugkritik der 1980er Jahre, insbesondere im Kontext der Friedenspädagogik. Die Erziehungswissenschaftlerin Gisela Wegener-Spöhring stellt etwa einer Untersuchung zur Bedeutung von Kriegsspielzeug in der Lebenswelt von Grundschülerinnen und Grundschülern voran, dass „Kriegsspielzeug nicht Gegenstand eines traditionellen Unterrichts mit weitgehend kognitiver Belehrung sein kann und soll“, man sich wohl aber der emotionalen Seite des Phänomens zuwenden müsse.

Was fasziniert ihrerzeit 76 Prozent der befragten Jungen und 29 Prozent der Mädchen an Pistole, Gewehr, Pfeil und Bogen, Messern, Panzern, Soldaten und Star Wars? Das Kämpfen um des Kämpfens Willen, „meist mit irrealen, fantastischen, märchenhaften Personen“ oder im Weltraum, das Verstecken und Verfolgen, Zerstören und Zusammenfallenlassen, das Zielen und Schießen, die Geräusche, die die das Spiel begleiten. Aber auch Selbstbestimmung und das Erleben eigener Stärke sowie die Lust am Gewinnen und Verlieren werden mit dem Kriegsspiel in Verbindung gebracht. Zugleich zeigt sich in den Äußerungen der Kinder die Ablehnung von Krieg und Gewalt, auch Wissen über diese Phänomene, die zum Teil von den Kindern selbst mit den Spielzeugen in Verbindung gebracht werden: „Die Kinder spielen nicht nur in ausdrücklicher Distanz zur Realität, sie spielen mitunter geradezu ‚gegen die Wirklichkeit‘, um diese mit ihren Zwängen dann besser ertragen zu können.“

Setzt das ein bis heute reichhaltiges Angebot an Kriegsspielzeugen ins Recht? Wann übertritt Kriegsfaszination die Grenzen des Spiels zum Nachteil der Imagination? Sind die Ablehnung von Krieg und der Wunsch nach Frieden Grund, Waffen aus Kindertageseinrichtungen zu verbannen oder gerade Anlass, sie zuzulassen? 

Ein Zauberer auf der Baustelle sammelt Lumpen
„Man hätte sich ihn gut mit einem sehr hohen Hut und mit einer Art von Zauberstock vorstellen können,“ ist in einem Nachruf auf Walter Benjamin zu lesen. Benjamin selbst sah sich weniger als Zauberer denn als Lumpensammler, der die Überreste der Geschichte ausgräbt, birgt und zusammenträgt. So vielschichtig wie jene Überreste ist Benjamins Werk selbst. Er gilt als bedeutender „Theoretiker der Moderne“, der sich mit Literatur, Philosophie und Kultur beschäftigte, nicht zuletzt Erziehung und Kindheit, mit Spielwaren und Kinderliteratur, die Walter Benjamin mit Passion sammelte. 
In seinem Buch „Einbahnstraße“ aus dem Jahr 1928 findet sich der Text „Baustelle“. Hier kritisiert er scharf die Bedeutung, die Pädagoginnen und Pädagogen den Dingen beimessen, die für Kinder hergestellten Dingen beimessen.

Pedantisch über Herstellung von Gegenständen – Anschauungsmittel, Spielzeug oder Büchern – die sich für Kinder eignen sollen, zu grübeln, ist töricht. Seit der Aufklärung ist das eine der muffigsten Spekulationen der Pädagogen. Ihre Vergaffung in Psychologie hindert sie zu erkennen, dass die Erde voll von den unvergleichlichsten Gegenständen kindlicher Aufmerksamkeit und Übung ist. […] Kinder nämlich sind auf besondere Weise geneigt, jedwede Arbeitsstätte aufzusuchen, wo sichtbar die Betätigung an Dingen vor sich geht. Sie fühlen sich unwiderstehlich vom Abfall angezogen, der beim Bauen, bei Garten- oder Hausarbeit, beim Schneidern oder Tischlern entsteht. In Abfallprodukten erkennen sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein, zukehrt. In ihnen bilden sie die Werke der Erwachsenen weniger nach, als dass die Stoffe sehr verschiedener Art durch das, was sie im Spiel daraus verfertigen, in eine neue, sprunghafte Beziehung zueinander setzen. Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in der großen, selbst. Die Normen dieser kleinen Dingwelt müsste man im Auge haben, wenn man vorsätzlich für die Kinder schaffen will und es nicht vorzieht, eigene Tätigkeit mit alledem, was an ihr Requisit und Instrument ist, allein den Weg zu ihnen sich finden zu lassen.

Walter Benjamin zeichnet ein Bild vom Kind als Produzent seiner Bildungsprozesses, welcher sich im und als Spiel vollzieht, ein Akteur, in einer von und für Erwachsenen strukturierten Welt. Sie werden geschützt, behütet, gefördert, erzogen und bedacht mit Spielzeug, Büchern, Anschauungsmitteln, die allesamt bereits pädagogischen Intentionen entstammen. Diesen stellt Benjamin Dinge gegenüber, die nicht für Kinder hergestellt werden, für diese aber besonders interessant und anziehend seien: Das Kind ist bei Benjamin ein Lumpensammler wie er selbst, dem „Abfälle“ zu Spielmitteln werden. Das Kind errichtet aus den Überresten der Welt der Erwachsenen eine eigene Welt. Die Bedeutungen, die Kinder damit konstruieren sind sprunghaft, mit verschiedenen Zielhorizonten: Spielen eben, dessen Beobachtung zentral für ein Verständnis des Weltzugangs von Kindern ist. 

Spielzeug repräsentiert und produziert Welt- und Menschenbilder, weshalb sich die Bewertung des Einzelfalles immer lohnt. Die Beispiele aus der Geschichte der Spielzeugkritik fordern uns daher nicht nur heraus, anhand bestimmter Kriterien die Qualität von Spielzeug zu prüfen. Sie lenken stattdessen den Blick auf die Bedingungen unserer Kriterien selbst: auf unser Bild vom Kind und unser Verständnis davon, was Pädagogik leisten soll und kann.

Literatur

Arendt, Hannah (1994). Die Krise der Erziehung. In Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im Politischen Denken. Bd. 1: Texte 1954–1964 (S. 255–276). München: Piper.

Benjamin, Walter (1991). Kulturgeschichte des Spielzeugs. In Gesammelte Schriften. Bd. 3: Kritiken und Rezensionen (S. 113–117). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Benjamin, Walter (1928). Einbahnstraße. Kritische Gesamtausgabe. Bd. 8. Frankfurt a.M. 2009: Suhrkamp.

Benjamin, Walter (1969). Über Kinder, Jugend und Erziehung (2. Aufl.). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Berg, Christa: Ansätze zu einer Sozialgeschichte des Spiels - In: Zeitschrift für Pädagogik 29 (1983) 5, S. 735-753 - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-142775 - DOI: 10.25656/01:14277

Huster, Gabriele (1988). Spielzeug im Berliner Museum. Berlin: Berliner Museum.

Pazzini, Karl-Josef (2003). Die Toten bilden. Museum und Psychoanalyse 2. Wien: Turia + Kant.

Retter, Hein (1979). Spielzeug. Handbuch zur Geschichte und Pädagogik der Spielmittel. Weinheim/ Basel: Beltz Juventa.

Rousseau, Jean-Jacques (1971). Émile oder über die Erziehung. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Spiel des Jahres e.V. (2024). Geschichte. Verfügbar unter: https://www.spiel-des-jahres.de/geschichte/

Spiel gut e.V. Arbeitsausschuß Kinderspiel + Spielzeug (2024). Die Entstehung von spiel gut. Verfügbar unter: https://www.spielgut.de/70-jahre-spiel-gut-wie-alles-begann/

Spies, Thomas, Kurt, Şeyda & Pötzsch, Holger (Hrsg.). (2024): Spiel*Kritik. Kritische Perspektiven auf Videospiele im Kapitalismus. Bielefeld: Transcript.

Werkbund-Archiv (Hrsg.). (1990). Bucklicht Männlein und Engel der Geschichte. Walter Benjamin. Theoretiker der Moderne. Berlin: Werkbund-Archiv.

Wittich, Elke (2023, 31.08.). Keine Puppe wie alle anderen. Wie es mit Barbie-Puppen möglich wurde, sich neu zu erfinden. In Jungle World, 35/2023. Verfügbar unter: https://jungle.world/artikel/2023/35/barbie-keine-puppe-wie-alle-anderen