Die Sondersammelung „Kinderkrippe in der DDR“ des Deutschen Hygiene-Museums Dresden
Blickte meine Mutter aus dem Fenster ihres Kinderzimmers, blickte sie in den Hof einer Wochenkrippe. Sie wuchs Anfang der 1970er Jahre in der Dresdener Hähnelstraße auf. Erzählt sie von ihrer Kindheit und Jugend, sind die Krippen und Kindergärten der Deutschen Demokratischen Republik erstaunlich präsent: Da ist der Kinderzimmerblick. Da ist die jüngere Schwester, die sie täglich in die Betreuung bringt und abholt, um selbst (noch) Zeit dort zuzubringen, unter Kindern, ohne Teil der Gruppe zu sein. Da ist der Wunsch, den Beruf der Kindergärtnerin zu ergreifen, der unerfüllt bleiben musste. Keine DDR-Volksbildung, entscheidet ihr Vater. Meine Mutter war zudem kein sozialistischer Mensch, schüchtern, schmächtig, ohne sportliches und musikalisches Talent: nicht geeignet. Sie lernte stattdessen im Schlachthof Dresden, in dem auch der zehn Jahre ältere Jorge Gomondai arbeitete, der am 06. April 1991 von einer Gruppe ehemaliger Pioniere und wiedervereinigter Deutscher tödlich verletzt wurde. Er gilt als erstes Todesopfer eines rassistischen Überfalls in der neuen BRD, die kein halbes Jahr alt war.
Ich meine, den Namen Jorge Gomondai bereits mein ganzes Leben zu kennen, was naturgemäß Unfug ist. Als ich 2009 zurück nach Dresden ziehe, überquere ich täglich den nach ihm benannten Platz, um am tödlichen Albertplatz die Tram zu besteigen, die mich zu meiner eigenen pädagogischen Ausbildung befördert. Ich stelle mir vor, was nie geschah, wie meine Mutter vom Tod des Kollegen erfährt und einen Stempel „Lohnzahlung einstellen“ oder „Ausgeschieden“ auf seine Personalakte drückt. Dass über die Umstände seines Todes im Betrieb gesprochen worden wäre, erinnert sie nicht. Ich fühle mich seinem Schicksal entkommen, fühle mich auch dem Schicksal meiner Mutter entkommen, versteckte mich in sächsischen Kleinststädten vor neonazistischen Jugendgruppen und versteckte mich gut, war frei in der Wahl meines Berufes, der mich heute Erzieherinnen ausbilden lässt. Diese Freiheit und ihre Gewalt sind nur drei Jahre älter als ich.
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Montage mit Abbildungen in Staupe & Vogel (Hg.) 2018, S. 54f. |
... bleibe ich nicht sondern besuche einen Kindergarten in Dresden Löbtau. Meine Erzieherin war jung, nicht älter als meine Mutter, doch kam mir, wie alle Erwachsenen zeitlos alt vor. Sie hieß und heißt Frau Hunger, Ausbildung DDR, Berufsleben BRD neu. Während ich darauf warte, abgeholt zu werden, eröffnet das Deutsche Hygiene-Museum Dresden (DHMD) eine Wanderausstellung zur Geschichte des Kindergartens in der Deutschen Demokratischen Republik. Es ist bereits die zweite Schau, die sich mit der Kleinkinderziehung in der DDR beschäftigt. Im Winter 1992/ 1993 war eine Werkstattausstellung zur Geschichte der Kinderkrippe zu sehen, die, so lese ich bei der Kuratorin Susanne Roeßiger, ungeachtet ihrer kurzen Dauer Aufsehen erregte.
Die einen kritisierten die Ausstellung vehement und waren von ihr enttäuscht. Sie deuteten die Präsentation der Objekte in den erwähnten überdimensionierten Kinderlaufställen als Symbol des Eingesperrtseins, verteidigten die institutionelle Kleinkinderbetreuung und ihre individuellen Erinnerungen an eine schöne Zeit in der Kinderkrippe. Die anderen lobten die Ausstellung als Denkanstoß. Sie wollten nicht, dass DDR-Alltag und SED-Diktatur getrennt voneinander betrachtet werden und die staatlich gelenkte frühkindliche Sozialisation rückblickend verharmlost wird. (Roeßiger 2018, S. 58)
Anfang und Mitte der 1990er Jahre auf die Geschichte der öffentlichen Kleinkinderbetreuung in der gerade vergangenen DDR zu blicken, ist vielleicht nicht der „Angriff der Gegenwart auf die restliche Zeit“ (Kluge 1985) und doch ein Versuch „Gegenwart ins Museum“ (Roeßiger 2018) zu holen: die gegenwärtige Verarbeitung der DDR-Erfahrung und -Sozialisation, die gegenwärtige Abwicklung eines Staates, die mit seiner Musealisierung einhergeht.
Das Besondere war, dass diese Objekte [der Werkstattausstellung zur Geschichte der Kinderkrippe in der DDR, Anm. PK] erst seit kurzer Zeit zum musealen Bestand des Museums gehörten. Ausgelöst wurde der Musealisierungsprozess durch die Schließung und Umstrukturierung der Kinderbetreuungseinrichtungen zu Beginn der 1990er-Jahre. Quasi über Nacht musste das Museum beschließen, diese Gegenstände zu sammeln, denn sie waren in ihrem ursprünglichen Gebrauchszusammenhang nicht mehr von Interesse und davon bedroht, weggeworfen zu werden. Das Museum entschied sich für den Aufbau einer Sammlung zum Thema der Kindheit in der DDR. In den darauffolgenden Monaten wählte es etwa tausend Objekte aus dem Zeitraum 1950 bis 1990 mit nachweislichen Nutzungsgeschichten und einem Bezug zu einer DDR-Kinderkrippe aus. (ebd., S. 56)
Sammlung über Nacht
Eine Sammlung zur Kindheit in der DDR ist, wenn ich es
richtig sehe, nicht aufgebaut worden, weder im Hygiene-Museum noch irgendwo.
Die „über Nacht“ ins DHMD gelangten und für die Werkstattausstellung
ausgewählten Objekte bilden heute einen Teil der Sondersammlung zur
Kinderkrippe in der DDR, auf welche auf das Sammlungskonzept des DHMD für die
Jahre 2024 bis 2029 eingeht (Deutsches Hygiene-Museum 2024).
Die Sammlung umfasst 1.200 inventarisierte Objekte und Dokumente, die aus Dresdner Tages- und Wochenkrippen im Zeitraum von 1950 bis 1990 stammen. Dazu zählen Möbel, Spielzeug, Kleidung, Trink- und Essgeschirr, Gegenstände und Dokumente zur Gesundheitserziehung und zur Körperpflege in den Kinderkrippen. Informationstafeln, Wandzeitungen und Krippenchroniken, didaktische und methodische Materialien für die Krippenerzieherinnen sind ebenso Bestandteile des Konvolutes. (ebd., S. 22)
Es ist davon auszugehen, dass der 2024 beschriebene, inventarisierte Bestand weitgehend identisch mit den „etwa tausend“ Objekten ist, die Susanne Roeßiger erwähnt. Im Sammlungskonzept werden 3.500 weitere Objekte erwähnt, welche der Sondersammlung zur Kinderkrippe in der DDR zuzurechnen, bisher jedoch noch nicht inventarisiert worden sind und als „Reste“ (Krempel 2005) im Depot lagern. Anfang der 1990er Jahre muss das DHMD also knapp 5.000 Objekte aus Kinderbetreuungseinrichtungen angenommen haben, wovon lediglich ein Viertel als Sammlung zugänglich ist (Deutscher Museumsbund 2023, S. 27). Für die 3.500 uninventarisierten Objekte, „Spielzeuge, Textil, Dokumente und Lehrmittel“ (Deutsches Hygiene-Museum 2024, S. 22), formuliert das Sammlungskonzept eine klare Perspektive. Bis 2029 sollen sie
nach Möglichkeit nur punktuell und nach den Kriterien der Sammlungsstragie aufgenommen werden. (ebd., S. 22)
Aus dieser Perspektive ergeben sich konkrete Handlungsschritte: Sichten, Bewerten anhand der Objektbewertungsmatrix, Inventarisieren. Für sämtliche Objekte, die nicht aufgenommen werden sollen, wäre die Voraussetzung für ihre Abgabe zu prüfen. Sie könnten an andere Museen verschenkt oder verkauft werden, getauscht oder verliehen. Doch auch die Abgabe an „Empfänger außerhalb des Museumswesen“ oder gar die Entsorgung ist denkbar (Deutscher Museumsbund 2011, Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland 2022).
Don't throw them away, learn from them
Die Sondersammlung zur Kinderkrippe in der DDR stellt
jedoch ein einzigartiges, zugleich jedoch bislang unzureichend erschlossenes
kulturelles Erbe dar. Der spontane Sammlungsaufbau der frühen 1990er Jahre
verlangt heute nach systematischer Bewertung, Kontextualisierung und
partizipativer Weiterentwicklung. Diese Aufgabe ist nicht rein museologisch,
sondern auch politisch und pädagogisch: Die Geschichte der DDR-Krippen berührt
persönliche Erinnerungen, gesellschaftliche Debatten und das professionelle
Selbstverständnis pädagogischer Fachkräfte. Durch die gemeinsame Arbeit von
Fachschülerinnen, Zeitzeuginnen und Museumsmitarbeiterinnen können neue
Objektgeschichten, kritisches historisches Wissen und kreative Formen der
Präsentation entstehen. Damit wird die Sondersammlung nicht nur bewahrt,
sondern in ihrer gesellschaftlichen Relevanz neu aktiviert, als Lernort, Diskussionsraum
und Brücke zwischen pädagogischer Vergangenheit und Gegenwart.
Literatur + Literatur zur Kindertagesbetreuung in der DDR
Beronneau, Antje (2020): Kinderkrippen in der DDR. Ideologie, Methode, seelische Folgen. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Deutscher Museumsbund (2011): Nachhaltiges Sammeln. Ein Leitfaden zum Sammeln und Abgeben von Museumsgut. Verfügbar unter: https://www.museumsbund.de/wp-con-tent/uploads/2011/01/2011-leitfaden-nachhaltiges-sammeln.pdf
Deutsches Hygiene-Museum Dresden (2024):
Sammlungskonzept 2024–2029.
Internes Dokument.
Israel, Agathe (2015): Krippenerziehung in der DDR –
Frühe Kindheit in der staatlichen Institution. In: KiTa-Fachtexte. Verfügbar
unter:
https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Israel_DDR_2015.pdf
Israel, Agathe (2017): Frühe Fremdbetreuung in der DDR
Erfahrungen mit der Krippenerziehung In: Bundeszentrale für politische Bildung.
Deutschland Archiv. Verfügbar unter:
https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/259587/fruehe-fremdbetreuung-in-der-ddr
Kluge, Alexander (1985): Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Spielfilm. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=UCsxhigACm0
Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland (2022): Empfehlungen zu Aussonderung und Deakzession in wissenschaftlichen Universitäts-sammlungen. Verfügbar unter: https://doi.org/10.18452/25398
Kunsthalle Rostock (2023): abgegeben. Wochenkrippen in der DDR. Verfügbar unter: https://www.kunsthallerostock.de/de/ausstellungen/ausstellung/2023/abgegeben-wochenkrippen-in-der-ddr
Liebsch, Heike (2023): Wochenkinder in der DDR. Gesellschaftliche Hintergründe und individuelle Lebensverläufe. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Linz, Sophie (2023): abgegeben. Wochenkrippen in der DDR. Verfügbar unter: https://wochenkrippe.de/
Maiwald, Annett (2025): Organisationserfahrung im DDR-Vorschulerziehungssystem. Erkenntnisressourcen für die Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit. In: SozialExtra, Jg. 48, H. 6 ( Schwerpunktheft: Raus aus der Fußnote? Soziale Arbeit in der DDR und in Ostdeutschland) Verfügbar unter: https://doi.org/10.1007/s12054-025-00833-w
Müller-Rieger, Monika (Hg.). (1997): „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht…“. Zur Geschichte des Kindergartens in der DDR. Begleitband zur gleichnamigen Wanderausstellung des Deutschen Hygienemuseums Dresden. Berlin: Argon.
Nentwig-Gesemann, Iris (1999): Krippenerziehung in der DDR. Alltagspraxis und Orientierungen von Erzieherinnen im Wandel. Berlin: Springer.
Roeßiger, Susanne (2018): Kinder-Alltag. Zur Geschichte der Kinderkrippe in der DDR (1992/93). Gegenwart ins Museum holen. In: Gisela Staupe & Klaus Vogel (Hg.): Themen zeigen im Raum. Ausstellungen des Deutschen Hygiene-Museums (S. 56–59). Berlin: Hatje Cantz.
Seitz, Hartmut (2004): Lebendige Erinnerung. Die Konstitution und Vermittlung lebensgeschichtlicher Erfahrung in autobiographischen Erzählungen. Bielefeld: Transcript.
Stary, Ute (2017): Kinderbetreuung in der DDR, Teil 1:
Krippe und Kita als Wochenheim. Deutsche Hebammen-Zeitschrift, 69 (12,
84–87)Verfügbar unter:
https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=3285185
Von Rosenberg, Friederike (2022): Die beschädigte Kindheit. Das Krippensystem der DDR und seine Folgen. München: C.H. Beck.
Wilhelms-Breunig, Petra Christin (2013): Erziehungskonzepte der Krippeneinrichtungen der DDR. (Dissertation): Universität Oldenburg. Verfügbar unter: https://oops.uni-oldenburg.de/1954/1/wilerz13.pdf
Zwiener, Kerstin (1994): Kinderkrippen in der DDR. Einflüsse von Familie und Krippe auf Entwicklung und Gesundheit bei Krippenkindern. Eine Untersuchung aus 200 Kinderkrippen der DDR 1988. München: Deutsches Jugendinstitut.
